Vergiss mein nicht
Leseprobe
Kapitel 1: Tanztee mit Tücken
Geschichten vom Erinnern, Vergessen und Dazugehören
Dieses besondere Buch verbindet Humor, Würde und biografische Aktivierung in liebevollen Geschichten rund um Niki, den unsichtbaren Drachen Sonicus und eine Seniorengruppe im „Haus Sonnenschein“.
Sie fördern:
- emotionale Aktivierung
- Erinnerungsarbeit
- Gesprächskultur
- Gemeinschaftserleben
- würdevolle Teilhabe
Jedes Kapitel enthält:
Vorlesegeschichte mit Humor und Herz
Reflexionsfragen und Aktivierungsideen.
Ideal für:
- Tagespflege
- Seniorenheime
- Betreuungsdienste
- Angehörige
- Ausbildung in Pflege & Heilpädagogik
Inklusion endet nicht im Kindesalter – sie begleitet uns ein Leben lang.
„Na, Wilhelm, wach?“
„Was heißt hier wach? Ich war nie weg!“
So begann der Dienstag im Haus Sonnenschein – oder,
wie Frieda immer sagte, im Altersheim deluxe mit
Kaffeeflatrate.
Niki stellte gerade den Frühstückswagen ab, als Wilhelm –
leicht verwuschelt, aber mit Charme – seine Brille suchte.
„Die isch weg! Ganz weg!“
„Sie hängt am Hemdkragen, Wilhelm“, sagte Niki.
Er schaute hinunter, grinste. „Ah, das isch ja praktisch.
Hab ich’s wenigstens gleich dabei.“
Aus der Küche rief Sabine: „Kaffee fertig!“

Niki schob den Wagen durch den Raum. „So, wer möchte
Kaffee, wer lieber Tee?“
Vor Emma, die still im Rollstuhl saß, legte sie zwei
Symbolkarten hin – eine mit einer Kaffeetasse, eine mit
einer Teekanne.
„Emma, du darfst aussuchen“, sagte Niki freundlich.
Emma betrachtete die Karten, hob langsam die Hand und
tippte auf die Tasse.
„Kaffee, wunderbar. Und einen Keks dazu?“
Ein leichtes Zucken ihrer Mundwinkel – Emmas Lächeln
war Antwort genug.
Wilhelm grinste. „Da schau her, die weiß, was gut isch!“ ...

Aktivierung
Kaffeeduft & Kuchenklang
Ablauf:
Während über die Biografie und Reflexionsfragen gesprochen wird, dürfen echte Düfte durch den Raum ziehen.
Kaffeebohnen, Vanille, Zimt oder Zitronenschale werden
in kleinen Döschen herumgereicht.
Anschließend erklingen vertraute Geräusche:
Tassenklirren, Kaffeemaschine, Musik aus dem Tanzcafé.


Niki & Sonicus- Perspektivwechsel im Klassenzimmer
„Inklusion beginnt nicht beim Umbau von Gebäuden, sondern beim Umbau von Blickwinkeln.“ Dieses Buch lädt zu genau diesem Perspektivwechsel ein. Es verbindet emotionale Geschichten mit klaren, barrierearmen Strukturen. Die Wetterkarten geben Gefühlen eine Form, nonverbale und gebärdenunterstützte Kommunikation ermöglichen Verständigung ohne Hürden, der Klassenvertrag mit den drei Kernsignalen Stopp, Auszeit und Danke macht Grenzen sichtbar und respektvoll. Jede Einheit ist kurz, wirksam und im Alltag tragfähig.
Kapitel 1: Wenn alles zu laut wird
Der Gong kommt, bevor der Unterricht beginnt.
Niki zieht den Kopf ein, als sie das Klassenzimmer betritt.
Ein Kaugummi klebt an der Türklinke, ein Stuhl liegt quer
im Weg, zwei Jungs diskutieren lautstark über
irgendeinen „legendären Move“.
12Ein Papierflieger zischt knapp an ihr vorbei – und bleibt
wackelnd oben auf der Tafel liegen.
„DREI-PUNKT-LANDUNG! DIREKT IN DIE
LEHRERZONE!“, ruft Jan, der auf seinem Stuhl halb steht,
wie ein Stadionsprecher.
Niki atmet flach, drückt sich an einem Stuhl vorbei und
lässt sich auf ihren Platz fallen. Sie zieht die Kapuze zurück
und starrt kurz auf ihr Matheheft. Buchstaben, Zahlen,
Chaos.
Neben ihr wippt jemand nervös mit dem Bein. Ihr Magen
meldet: Reizüberflutung.
Sie legt beide Hände auf die Tischplatte, als könne sie so
den Lärm ausbremsen.
„Konzentration: minus sieben“, flüstert plötzlich eine
Stimme links neben ihr.
Sonicus sitzt mit angewinkeltem Bein auf dem Heizkörper.
Er balanciert eine Tomate auf einem Lineal und murmelt
wie ein Sportkommentator:
13„Live aus dem Klassenzimmer-Chaos. Die Nerven sind
angespannt. Die Tomate zittert. Gleich kippt sie. Gleich...“
Sie kippt.
Niki grinst schwach. Sonicus' Timing ist wie immer seltsam
perfekt.
„Mathe!“, brummt Herr Brunner.
„Aufgabenblatt vorne – Jan, bitte verteilen.“
Jan springt mit der Energie eines schlecht dosierten
Energy-Drinks auf, schnappt sich die Blätter und lässt sie
Reihe für Reihe auf die Tische flattern.
Niki bekommt ihres zusammengefaltet. Der Junge neben
ihr bekommt zwei. Max, ganz hinten, bekommt seins
zerknüllt – mit einem Smiley und dem Wort „LOST“
draufgekritzelt.
Jan grinst. „Na, passt doch.“
Max sagt nichts. Er streicht das Blatt glatt – so gut es geht.
Dann starrt er darauf, als müsse er durch das Papier
verschwinden.
Niki wirft ihm einen Seitenblick zu. Seine Hände zittern
leicht.
Sein Stift liegt ungespitzt daneben. Seine Augen wirken
müde, zu müde für Mathe.
Herr Brunner geht durch die Reihen, kontrolliert mit
einem Blick.

Bei Max bleibt er stehen. Runzelt die Stirn.
„Max... das ist ja gar nichts. Du hast nur rumgekritzelt. Du
kannst dich nicht immer wegducken. Versuch wenigstens
was, okay? Kein Quatsch diesmal.“
Niki hält den Atem an.
Sie weiß, dass Max das nicht selbst draufgemalt hat.
Max bleibt still.
Er schluckt. Seine Wangen werden rot, seine Augen
feucht.
Dann steht er auf.
15Langsam. Ohne ein Wort.
Er nimmt nichts mit.
Geht einfach – durch die Tür. Die fällt leise ins Schloss.
Für einen Moment ist es still. Dann sagt Jan trocken:
„Der hat doch WLAN im Kopf.“ Niki
dreht sich zu ihm. Sonicus auch.
„Könnte sein“, murmelt der Drache.
„Oder er sendet auf einer Frequenz, für die dein Router zu
flach ist.“ ...
...
Reflexionsfragen zu Kapitel 1
- Was hilft dir, wenn dir alles zu laut oder zu viel wird?
- Hast du schon einmal jemanden in der Klasse gesehen, dem alles zu viel war? Woran konntest du das
METHODE: Befindlichkeitsrunde mit Wetterkarten
Wozu?
Gefühle sichtbar machen. In die Stunde ankommen.
Rücksicht und Selbststeuerung üben.
Material
Wetterkarten oder Emoji-Karten; Klebepunkte/Stifte;
Magnet-/Pinnwand oder Tafel; Timer; „Stopp/ Auszeit/
Danke“-Karte.
Ablauf – BASIC (5–10 Min)
1. Jede Person wählt eine Wetterkarte.
2. Karte zeigen oder an die Tafel heften.
3. Abschluss-Geste: „Danke“ oder „Auszeit“. Fertig.
Ablauf – ADVANCED (15–20 Min)
1. Karte wählen + optional zweite Karte „WunschWetter“.
2. Drei Fragen:
a) Was zeigt meine Karte?
b) Was brauche ich heute?
c) Was hilft der Gruppe?
3. Ein Satz für den Tag an die Tafel: „Heute achten wir auf…“.
Abschluss & Transfer
Kurze Team-Atmung (3 Atemzüge). Wer will, postet ein
passendes Emoji im Klassenchat oder markiert auf der
Tafel, ob sich das Wetter am Ende verbessert hat.
